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8.09.18

Wenn das Glück angehüpft kommt

Lutz Eichler ist froh, dass sein Bennett-Wallaby Sidney wieder wohlbehalten zurück ist. Quelle: David Borghoff

Er ist schon ein Gentleman. Lässt gerne den anderen den Vortritt, hält sich selbst zurück, ist zunächst nirgends zu finden auf dem großen Gelände. Dann aber kommt sein Auftritt – und auf den scheint er geradezu gewartet zu haben. Mit treuem, erwartungsvollem Blick schaut Sidney zu Lutz Eichler. Der 54-Jährige kommt auf ihn zu und klappert mit der Futterschale. „Komm mal her, Dicker“, ruft er. „Du bist gefragt, du kleiner Ausreißer“. Langsam hoppelt er auf seinen Besitzer zu. Sidney ist zutraulich. Auch von fremden Menschen lässt er sich streicheln und füttern. Das drei Jahre alte Bennett-Wallaby aus Hohne ist inzwischen ein kleiner Star, über das vergangene Wochenende schlagartig berühmt geworden. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit war das Känguru ausgerissen, am Montagmorgen schließlich in Helmerkamp von der Polizei eingefangen worden – das glückliche Ende eines ungewollten Ausflugs.

„Das ist schon kurios, in der Brunftzeit bleiben die Männchen eigentlich bei ihrem Mädchen“, erzählt Lutz Eichler. „Mit Sidney ist mir ausgerechnet das zahmste Tier entkommen.“ Wie das genau passiert ist, kann er sich auch nicht erklären. Beinahe reflexartig schließt er jedes Mal die große, grüne Tür, wenn er das 8000 Quadratmeter große Freigelände betritt, auf dem seine sieben Wallabys leben. Einmal nicht aufgepasst, haben seine Tiere – nicht nur die Kängurus – das Weite gesucht. Alle ließen sich schnell wieder einfangen. Alle bis auf Sidney.

Kängurus und Fasane vertragen sich

Ob den Ausreißer die Neugier getrieben hat? Das kann auch Lutz Eichler nicht genau beantworten. Dabei ist er wie kaum ein Zweiter im Landkreis Experte für exotische Tiere. Seit Jahren leben in Hohne auf insgesamt 20 Hektar Arten, die es sonst nur in Zoos zu sehen gibt. Da schreitet eine Gruppe Flamingos majestätisch durch den Teich, während die beiden Pelikane Henry und Ludmilla die unbekannten zweibeinigen Besucher neugierig ins Visier nehmen und ihnen ihre geöffneten riesigen Schnäbel entgegenstrecken. „Wenn sie nerven, einfach wegschieben“, sagt Eichler und lacht. Kronenkraniche stolzieren über die Wiese, argentinische Pampashasen hoppeln hin und her. Und mittendrin: die hüpfenden Kängurus.

Lutz Eichler achtet darauf, dass nur Tiere zusammenleben, die sich untereinander verstehen. Außer den sieben Wallabys beherbergt der Familienbetrieb an der Dorfstraße auch mehrere Parma-Kängurus. Sie lieben es geschützt, in einer beheizbaren Hütte haben sie es auch im Winter warm. Ihren Platz teilen sie sich mit einem Fasan, der von den Besuchern aufgeschreckt wurde. „Fasane und Kängurus kommen wunderbar miteinander klar“, weiß Eichler.

Von klein auf ist er den Umgang mit Tieren gewohnt, schon als Sechsjähriger hat er mit seinem Vater Fische gezüchtet. Als er 20 war, hat er zum ersten Mal Südamerika bereist, war seitdem häufig im Dschungel unterwegs. Eichler interessiert die Natur, er liebt Tiere. Ob Reptilien oder Amphibien – er mag es exotisch. Mit der Haltung von Kamerunschafen und Damwild hat alles mal angefangen, erzählt er. Mit der Zeit kamen immer neue Tierarten hinzu. Eichler hat nicht nur seinen Privatzoo, sondern auch sein Fachwissen erweitert. „Von 1000 Tierarten kenne ich vielleicht 10 nicht“, sagt der landwirtschaftliche Wildhalter und Züchter von Parkgeflügel.

Durch seine private Tierhaltung hat er Kontakte zu diversen Zuchtkollegen geknüpft, die bis ins Ausland reichen. „Wir züchten fast alle Tiere, die wir haben, nach“, erklärt Eichler. Dennoch muss er von Zeit zu Zeit Exemplare tauschen. Zoos nehmen sie gerne, sagt er. „Sie wissen, dass meine Tiere nicht scheu sind.“ Dennoch achtet er sehr darauf, wohin er seine Lieblinge abgibt. Umgekehrt nimmt er nur Tiere, die mit den örtlichen Bedingungen zurechtkommen. „Es gehört viel Idealismus dazu“, sagt er. „Wenn man die Tierhaltung nur rein wirtschaftlich betrachtet, sollte man es besser sein lassen.“

Eichler hat Glück: Viele Flächen gehören zum Rittergut. Früher wurde hier Landwirtschaft betrieben. Eichler hat sie gepachtet und nun bieten sie seinen Tieren Raum für ausreichend Bewegung. „Viel Platz für wenige Tiere – das ist unsere Philosophie“, erklärt der Familienvater. Wobei „wenige Tiere“ relativ ist: Wie viele Arten er beherbergt, kann Eichler aus dem Stegreif gar nicht sagen. „Alle Arten würden wohl zweieinhalb DIN-A4-Seiten füllen“, meint er.

Tiere sollen ihre Ruhe haben

Die Gegebenheiten sind hervorragend, alle vom Kreisveterinäramt geforderten Bedingungen erfüllt. „In mehreren Jahrzehnten hat es nie Probleme gegeben – wenn man sich an die Regeln hält“, sagt Eichler. Das Känguru-Gelände ist von einem zwei Meter hohen Zaun umgeben. „Mindestens 1,80 Meter müssen es sein.“ Das Gelände bietet eine Wasserfläche und Schattenplätze – alles, was nötig ist. Und die Kängurus leben nicht allein. Auch das ist eine Voraussetzung für das Halten der Beuteltiere.

Schon seit 20 Jahren hat er Rothirsche. „Eigentlich sind sie sehr scheu“, so Eichler. Aber wenn er sein Rudel ruft, hören sie auf sein Wort: „Mit Geduld und gutem Umgang ist vieles möglich.“

Dass es den Tieren gut geht, steht für den 54-Jährigen über allem. Auch wenn schon Kindergartengruppen und Grundschulklassen bei ihm zu Besuch waren, soll es bei einem Privatzoo bleiben. „Unsere Tiere sollen ihre Ruhe haben“, sagt er.

Auch in Sidneys Leben ist nach seinem Ausflug vom Wochenende wieder Ruhe eingekehrt. Unbekümmert frisst er, hüpft umher und macht hin und wieder Männchen. Lutz Eichler ist der Polizei sehr dankbar, dass sie ihn eingefangen hat. „Das war nicht ihre Pflicht. Die Beamten von der Hauptwache Celle waren sehr nett und beherzt. Sidney würde ich um keinen Preis weggeben.“

(Bericht Cellesche Zeitung vom 8.09.2018 - von Carsten Richter)